Perspektive Klasse 7

Die einzelnen Epochen und Tätigkeitsfelder einer Klasse gewinnen manchmal einen besonderen Reiz dadurch, dass sie mit anderen Epochen in Beziehung gesetzt werden können. Die siebte Klasse eröffnet den Schülern zum Beispiel in der Geschichts-Epoche die Welt der Entdecker und Eroberer. Sie erfahren hier, wie große Persönlichkeiten die oft engen geistigen Horizonte ihrer Zeit überwanden, wie sie mit Hilfe ihrer Fantasie, ihrer Vorstellungskraft Wege zu neuen Welten fanden. Interessant ist, dass auch die Entdeckung der Perspektive in diese Zeit fällt.

Der spielerisch-künstlerische Umgang mit ihren Gesetzmäßigkeiten kann dem Schüler eine Ahnung davon vermitteln, was die großen Geister bewegte.

 

 
 

 


[ Hell-Dunkel Klasse 6 ] [ Perspektive Klasse 7 ] [ Skelett Klasse 8 ]

Neue Horizonte

In der 7. Klasse werden die Möglichkeiten, die während der 6. Klasse erarbeitet worden sind, um die Dimension der Perspektive erweitert. Ging es bisher "nur" darum, einen Körper mit Hilfe von Licht und Dunkelheit räumlich darzustellen, so gilt es jetzt, die optischen Täuschungen, denen wir bein Sehen unterliegen, richtig in der Fläche darzustellen.

Unter optischen Täuschungen verstehe ich zum Beispiel, dass wir Gegenstände in der Ferne kleiner wahrnehmen als in der Nähe, obwohl sie dort doch genau so groß sind. Ein Zweitklässler, der mich einmal auf einer Wanderung begleitete, sah den Bus, mit dem wir nach Hause fahren wollten, in der Ferne. Nach einer Weile, als wir näher gekommen waren, bemerkte er:"Je näher wir kommen, desto größer wird der Bus. Bald können wir einsteigen!"

Wir begannen zunächst mit Kavaliers- und Froschperspektive um das Gefühl für konstruierte Räumlichkeit zu entwickeln und gingen dann über zur Perspektive mit einem Fluchtpunkt. Die Gesichtspunkte, welche für die Konstruktion nötig waren, hatten wir schnell erarbeitet. Wir merkten unter anderem, dass der Horizont sich immer in Augenhöhe befindet und dass er uns wie ein Kreis umgibt, in dessen Mittelpunkt wir stehen.

Neu war nun, dass wir für die Konstruktion das Lineal benutzten, wodurch unsere Zeichnungen zunächst sehr geometrisch wirkten. Den Schülern schien das zu gefallen und sie konstruierten munter drauflos. Als ich nach einiger Zeit von ihnen verlangte, nun auch Licht und Dunkelheit ins Spiel zu bringen, behagte ihnen das überhaupt nicht. Sie suchten nach allerlei Ausflüchten, weil ihnen diese Arbeit zuviel war und meinten, sie fänden die Zeichnungen schön, so wie sie seien. Ich hielt es aber doch für wichtig, auch eine "seelische" Komponente in Form einer Hell-Dunkel-Spannung ins Spiel zu bringen um die Wirkung der Bilder zu steigern. Daher bestand ich auf meiner Forderung und die Schüler fügten sich murrend. Als sie nach einiger Zeit sahen, dass die Mühe sich lohnte, gaben sie ihren Widerstand allmählich auf.

Nach den ersten Erfahrungen mit einem Fluchtpunkt dehnten wir unsere Forschungen auf die Perspektive mit zwei Fluchtpunkten aus. Die ersten Bilder erschienen uns seltsam verzerrt, bis wir herausfanden, dass wir die Fluchtpunkte zu nahe zusammen gesetzt hatten. Wir prüften nun, indem wir beide Daumen nach außen bewegten, wie groß unser Gesichtsfeld ist. Als wir die Daumen rechts und links gerade noch sehen konnten, hielten wir an. Nun war uns klar, dass die Fluchtpunkte eigentlich immer außerhalb des Bildrandes liegen und das Bild immer nur einen Ausschnitt des Gesichtsfeldes darstellt. Daran schlossen sich Betrachtungen über enge und weite Horizonte bei Menschen an. Die Schüler begriffen schnell, dass es auch seelisch-geistige Horizonte gibt.

Nach den Erfahrungen mit den beiden Fluchtpunkten begannen wir zu experimentieren. Wir fragten uns, wie ein Mensch, der eine Stadt von hoch oben sieht, den Horizont und die Fluchtpunkte erlebt, wenn sein Gesichtskreis nicht eingeschränkt ist. Einem Schüler fiel die "Fischaugenperspektive" ein, die er schon auf Fotos gesehen hatte, die mit einem bestimmten Objektiv gemacht worden waren. Wir versuchten auch das und setzten nun fünf Fluchtpunkte: rechts, links, oben, unten und in der Mitte. Nun verbanden wir die jeweils gegenüber liegenden Fluchtpunkte mit gebogenen Linien, ähnlich den Längengraden auf einem Globus. In das so entstandene Gitternetz hinein zeichneten wir dann unsere Objekte.

Manch einem Schüler dämmerte schon die Einsicht, dass man die Wirklichkeit auf dem Papier nach seinen Vorstellungen und Möglichkeiten gestalten kann, wobei die Perspektive im Grunde so wählbar ist, dass sie dem Motiv gerecht wird. 

Die einzelnen Epochen und Tätigkeitsfelder einer Klasse gewinnen manchmal einen besonderen Reiz dadurch, dass sie mit anderen Epochen in Beziehung gesetzt werden können. Die siebte Klasse eröffnet den Schülern zum Beispiel in der Geschichtsepoche die Welt der Entdecker und Eroberer. Sie erfahren hier, wie große Persönlichkeiten die oft engen geistigen Horizonte ihrer Zeit überwanden, wie sie mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft, ihrer Fantasie Wege zu neuen Welten fanden. Interessant ist, dass auch die Entdeckung der Perspektive in diese Zeit fällt. Der spielerisch-künstlerische Umgang mit ihren Gesetzmäßigkeiten kann dem Schüler eine Ahnung davon vermitteln, was die großen Geister bewegte.

Bernd Kettel

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