| Hell-Dunkel-Zeichnen in Klasse 6 |
Es ist für das Hell-Dunkel-Zeichnen von ganz entscheidender Bedeutung, dass der Prozess des Umganges mit Licht und Dunkelheit im Innern beginnt, dass er entflammt und lebendig wird, so dass die Kinder die Kraft ihrer Fantasie kennen lernen und gezielt mit ihr umgehen können. Dieses Spüren und Umgehen mit der Kraft der Fantasie ist zu vergleichen mit einem Pferd, das einem zu gehorchen beginnt, das einen in ungeahnte Gefilde trägt, die vorher nicht erreichbar waren es ist im Grunde der Anfang eines Abenteuers...
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[ Hell-Dunkel Klasse 6 ] [ Perspektive Klasse 7 ] [ Skelett Klasse 8 ] Der Beginn in der 6. Klasse Beim Hell-Dunkel-Zeichnen greift man gerne auf die Erfahrungen zurück, die während der Physik-Epoche gemacht wurden. Dort sahen die Schüler verschiedene Versuchsanordnungen, die sie den Charakter des Lichts sowie das Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit erleben ließen. Während des Hell-Dunkel-Zeichnens erinnern wir uns an diese Versuche und gehen nun mit den Phänomenen vorstellend um. Wir haben nun keine Versuchsobjekte mehr vor uns, sondern gestalten das Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit ausschließlich mit unseren Vorstellungskräften. Das Ziel besteht darin, möglichst konkrete, das heißt, physikalisch korrekte Vorstellungen zu bilden, die wir dann praktisch mit Zeichenstift und Papier umsetzen. Wir begannen mit einer einfachen Übung. Die Schüler sollten sich eine Kugel vorstellen, die vom Licht getroffen wird. Sofort war allen klar, dass sie eine beleuchtete und eine unbeleuchtete Seite haben würde. Wir konnten auch herausarbeiten, dass es Übergänge von Hell nach Dunkel geben müsste. Die Schüler konnten genau sagen, wo diese Übergänge zu sehen wären: am Licht-Schatten-Äquator der Kugel. Dieser Äquator wiederum würde bestimmt durch den Ort der Lichtquelle. Bewegte man das Licht, veränderte auch der Äquator seine Lage. Nachdem wir eine Weile auf diese Weise gearbeitet hatten, war es für die Schüler gar nicht mehr schwer, sich vorzustellen, dass der Schatten, welcher von der Kugel geworfen würde, in seiner Form und Lage ebenfalls durch die Lichtquelle, aber natürlich auch durch die Gestalt des beleuchteten Objekts bestimmt würde. Käme das Licht mehr von der Seite, nähme der Schatten eine ovale Form an, welche umso länger wäre, je flacher das Licht einfiele. Stünde die Lichtquelle im Zenit der Kugel, ergäbe sich ein kreisrunder Schatten direkt unter der Kugel, welcher den Auflagepunkt der Kugel zum Zentrum hätte. (Die Kinder drückten es so aus: „Die Mitte des Schattens wäre dann da, wo die Kugel den Tisch berührt”.) Es ließen sich sogar Aussagen darüber machen, wie groß oder klein die beleuchtete Fläche der Kugel wäre, wenn eine punktförmige Lichtquelle aus größerer oder geringerer Entfernung leuchtete. Je näher man das Licht an die Kugel hielte, desto kleiner würde die beleuchtete Fläche, je weiter man das Licht davon entfernte, desto mehr von der Kugelfläche könnte beleuchtet werden jedoch niemals mehr als die Hälfte.Wie gesagt, diese Übung spielte sich zunächst nur in der Vorstellung ab, eine reale Kugel war nirgends zu sehen. Die Schüler fanden bald Gefallen an diesem Spiel, welches ihre Fantasie in einer Weise herausforderte, die ihrem Lebensalter und ihren Möglichkeiten entsprach. Wir ließen uns deshalb Zeit und wiederholten die Prozedur in jeder Zeichenstunde, wobei wir unserer Fantasie stets neue Nahrung gaben. Wie wäre es, wenn die Kugel eine Delle hätte? Was geschähe im Zimmer, wenn das Licht von einer Seite durch die Fenster fiele? Welches wäre dann die dunkelste, welches die hellste Wand? Wie stünde es mit den übrigen Wänden, dem Fußboden oder der Zimmerdecke? Welche Lichterscheinungen wären dort wahrzunehmen? Natürlich wurde in diesen Stunden nicht nur geistig, sondern auch ganz praktisch gearbeitet. Auf diesem Felde wartete schon die nächste Herausforderung. Wir erinnerten uns an die Versuche während der Physikepoche und waren uns einig, dass da nirgends irgendwelche Umrisslinien zu sehen gewesen waren. Wenn aber in der sichtbaren Welt die Formen für uns dadurch entstehen, dass unterschiedliche Farben oder Helligkeiten aneinandergrenzen, dann müsste das auf dem Papier zum Ausdruck zu bringen sein. Ich malte nun an die Tafel mit weißer Kreide drei Flecken, welche die Form einer beleuchteten Schale andeuteten sehr groß und sehr grob. Stand man direkt vor der Zeichnung, so konnte man gar nichts erkennen, die Flecken wirkten zusammenhanglos. Aber schon nach einer Weile meldeten sich Schüler aus den hinteren Reihen, weil sie etwas zu sehen glaubten. Immer mehr der weiter hinten sitzenden Schüler ließen nun Rufe wie „Jetzt sehe ich es” oder „Da ist ja eine Schale” hören, während sich die Schüler in den ersten beiden Reihen staunend und ungläubig umsahen. Jetzt durften alle ihren Platz verlassen und nach hinten gehen, um das „Wunder” mit eigenen Augen zu bestaunen. Ein Schüler fasste es folgendermaßen in Worte: „Das sieht ja aus wie 3D!”. Wir ließen das Erlebnis noch eine Weile auf uns wirken und fragten uns, wie es wohl komme, dass jeder das räumliche Bild einer Schale sah, wo doch in Wirklichkeit nur ein paar weiße Flecken vorhanden waren. Wir kamen dann darauf, dass es wohl unsere Fantasie, unsere Vorstellungskraft ist, die uns diese „Streiche” spielt oder uns hilft, je nachdem, wie man es sieht. Später stellten wir solch ein Bild mit einer angedeuteten Schale, das nur aus wenigen Flecken bestand, auf den Kopf und siehe da: unsere Fantasie zauberte daraus flugs wieder eine Schale, indem sie die Flecken in den richtigen Zusammenhang stellte sie kann anscheinend gar nicht anders. Die Kinder begannen die praktische Arbeit zunächst auf großformatigem Zeichenpapier mit dunklen Wachsblöckchen. Dabei verzichteten wir bewusst darauf, Umrisslinien zu zeichnen. Wir wollten das Objekt auf jeden Fall aus dem Zusammenspiel heller und dunkler Flächen entstehen lassen. Lieber sollte das Objekt unvollkommen sein. Natürlich war das ein schwieriges Unterfangen und manch einer mogelte, weil die Vorstellung, ohne feste Form zu arbeiten, zunächst Unsicherheiten hervorrufen kann. Es ist so ähnlich wie ein Gang auf dem Glatteis. Hat man aber einmal die Balance gefunden, kann man sich virtuos bewegen so auch hier beim Zeichnen. Nachdem die ersten Sorgen und Befürchtungen überwunden waren und man sehen konnte, dass der Reiz einer Zeichnung nicht darin liegt, dass die Kugel oder die Schale exakt rund und glatt ist, sondern darin, wie Licht und Dunkelheit miteinander spielen, gelang immer mehr Kindern der Durchbruch. Ein wichtiger Teil der Arbeit während des Zeichnens besteht darin, immer wieder alle Arbeiten aufzuhängen und sie zu betrachten. Dabei fallen Unterschiede auf, welche dann besprochen werden. Einmal bemerkten die Schüler, dass es Zeichnungen gab, welche sehr klar, deutlich und plastisch wirkten, während andere eher verschwommen und nebelhaft erschienen. Natürlich fragten wir uns, woran das lag. Die Schüler fanden schnell heraus, dass die einen Bilder starke Unterschiede zwischen dunklen und hellen Flächen zeigten. Auch waren die Übergangsbereiche reich differenziert und die Arbeiten insgesamt sorgfältig ausgeführt, wodurch die Formen sehr klar in Erscheinung traten. Sie waren also kontrastreich und scharf, die Spannung war erlebbar. Die nebelhaften oder blassen Bilder dagegen wiesen solche Differenzierung nicht auf. Bei ihnen herrschte ein gleichförmiges Grau vor.Manche der Schüler sahen das jetzt zum ersten Mal. Es war aber allen klar, dass man kein Künstler sein musste, um eine spannungsreiche und scharfe Zeichnung zu erstellen. Nur etwas Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Ausdauer waren nötig. Sofort waren alle Feuer und Flamme und legten erneut los. Es ist für das Hell-Dunkel-Zeichnen von ganz entscheidender Bedeutung, dass der Prozess des Umganges mit Licht und Dunkelheit im Innern beginnt, dass er entflammt und lebendig wird, so dass die Kinder die Kraft ihrer Fantasie kennen lernen und gezielt mit ihr umgehen können. Dieses Spüren und Umgehen mit der Kraft der Fantasie ist zu vergleichen mit einem Pferd, das einem zu gehorchen beginnt, das einen in ungeahnte Gefilde trägt, die vorher nicht erreichbar waren es ist im Grunde der Anfang eines Abenteuers. Nicht umsonst besingen die Dichter aller Zeiten das geflügelte Pferd Pegasus, denn um nichts anderes handelt es sich hier. Das Hell-Dunkel-Zeichnen ist in diesem Fall wie viele andere Übungsfelder der Waldorfpädagogik auch vor allem Mittel zum Zweck, der Steigbügel gewissermaßen. Erst im zweiten Schritt wird dieser Prozess nach außen getragen. Das lebendige Bild, das im Innern entstanden ist, wird nun mit Hilfe der Hände und Sinne in eine sichtbare Form gebracht. Dabei ist es im Grunde nicht so wichtig, ob man Kohle, Wachsblöckchen oder Zeichenstifte verwendet. Es kommt aber darauf an, dass das Werkzeug dem Vorhaben entspricht und dass die Kinder das merken. Ich kann mit einem Stück Zeichenkohle etwas anderes erreichen als mit einem Bleistift, aber beides ist berechtigt. Selbstverständlich kann eine Hell-Dunkel-Spannung auch mit einem Farbstift aufgebaut werden zum Beispiel mit Blau, Lila oder Dunkelgrün. Schließlich wäre auch daran zu denken, diese Übung mit Wasserfarben zu machen, denn da ist der flächige Charakter von Licht und Dunkelheit viel offensichtlicher. Sehr schöne Übungsmöglichkeiten ergeben sich auch für die Schichttechnik mit Wasserfarben, weil man da die Dunkelheiten aus feinen, durchscheinenden Farbschleiern entstehen lassen kann. Bernd Kettel [ Hell-Dunkel Klasse 6 ] [Perspektive Klasse 7 ] [ Skelett Klasse 8 ] |
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